Covid19 und globale Ungleichheit

19. November 2021

Covid19 und globale Ungleichheit

Brandbeschleuniger, Brennglas, Katalysator – so wurde die Wirkung der Covid19-Pandemie auf soziale und globale Ungleichheit vielfach beschrieben. Für Arbeiter:innen, die in Ländern des Globalen Südens am Anfang der globalen Wertschöpfungskette arbeiten, bedeutete dies u.a. Einbehaltung ihrer Löhne, fristlose Kündigungen oder unbezahlten Zwangsurlaub. In den USA waren vor allem Schwarze US-Amerikaner:innen von Covid19 betroffen[1] und in Deutschland breitete sich das Virus wesentlich schneller in engen Wohnsiedlungen aus in wohlhabenderen Vierteln aus. Nicht nur die Vulnerabilität minorisierter und marginalisierter Gruppen weltweit erhöhte sich durch die Pandemie. Auch das Gefälle zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden z.B. in Hinblick auf Impfgerechtigkeit spitzt sich zu. Unter der Verschärfung der miteinander verwobenen Krisendynamiken (Klimakrise, ökonomische Krise, Covid-19 Krise) leiden vor allem diejenigen, die bereits vor der Covid-19 Pandemie unter dem Normalzustand litten: der Normalzustand eines auf Rassismus, Sexismus und allen anderen Ungleichheits- und Machtverhältnissen basierenden Wirtschaftssystems, das die Natur und Menschen ausbeutet.

Während der Brennglaseffekt der Pandemie relativ bald festgestellt wurde, wurden die weitreichenden Auswirkungen auf die Lebenssituation von Kindern lange übersehen. Auch wenn Kinder in geringeren Maßen schwer erkranken, sind sie weltweit besonders von der Pandemie betroffen. Ihr Recht auf Gesundheit im Sinne der Gewährleistung eines vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens wurde durch die Corona Maßnahmen eingeschränkt bzw. nicht vorrangig berücksichtigt. Für Kinder, die bereits vor der Pandemie in besonders vulnerablen Umständen lebten, nahm die Gefährdung durch häusliche Gewalt und Missbrauch stark zu, während sich Möglichkeiten der Intervention durch Lehrer:innen oder das soziale Umfeld verringerten. Eine Studie der Welthungerhilfe, in der 16.000 Menschen in 25 Ländern des Globalen Südens befragt wurden, zeigt, dass gut 40% der Befragten weniger und schlechtere Nahrung hatten als vor der Pandemie. Und zwei Drittel der Befragten geben an, dass die Kinder in ihrem Haushalt als Folge der Pandemie einen schlechteren Zugang zu Bildung hatten. Unicef berichtet, dass ein Drittel aller Kinder während der Schulschließungen keinen Zugang zu Fernunterricht hatte, das sind 463 Millionen Kinder. Aufgrund der Verschlechterung der Lebenssituation vieler Familien schätzt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, dass mindestens 24 Millionen Kinder nach der Pandemie nicht in die Schule zurückkehren werden.

Ein erweiterter Blick auf die Covid 19 Krise zeigt: die Pandemie ist teilweise menschengemacht. Denn im Anthropozän, der neuen erdgeschichtlichen Epoche, in der der Einfluss des Menschen auf unseren Planeten so groß ist, dass er als geologische Kraft definiert wird, steigt die Wahrscheinlichkeit von Pandemien. Jährlich verschwinden weltweit 10 Millionen Hektar Wald, eine Fläche so groß wie Bayern und Baden-Württemberg. Sie weichen Sojafeldern, Palmölplantagen und Rinderfarmen. Die Vernichtung von abgeschlossenen Ökosystemen, wie Regenwäldern und die damit einhergehenden schrumpfenden Lebensräume gehen mit Verhaltensänderungen von Tieren einher, sie wandern in neue Gebiete oder nähern sich Menschen an, was wiederum das Risiko der Übertragung von Krankheiten von Tieren auf Menschen erhöht. Beispiele dieser Zoonosen – also Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden – gibt es bereits viele: Ebola, Schweinegrippe, Vogelgrippe, SARS. Die weltweite Ausbeutung der Natur, Erschließung neuer Agrarflächen für unseren Fleischkonsum oder die Förderung von Rohstoffen im Bergbau für unsere elektronischen Geräte zerstören den Planeten. Vor allem der Lebenswandel des Globalen Nordens und sein Hunger nach Rohstoffen verschlingt die Waldflächen. Der „Land-Fußabdruck“ der Europäischen Union beträgt schätzungsweise 640 Millionen Hektar pro Jahr, also eineinhalb Mal so viel wie die Fläche aller 28 Mitgliedstaaten[2] und Deutschland ist fünftgrößter Rohstoffverbraucher weltweit (AK Rohstoffe 2020)[3].

Die Ursachen des gegenwärtigen Krisenszenarios hängen somit elementar mit der Ausbeutung unseres Planeten zusammen. Die Pandemie hat gezeigt, dass es nicht ausschließlich darum gehen kann, gegen die „Klimakrise“ vorzugehen oder um Nachhaltigkeitspolitik, weil unser Handeln alles Leben auf der Erde gefährdet, auch die Existenz unserer Spezies. Was wir brauchen ist ein grundsätzlicher Wandel, der die Beendigung der Zerstörung von Ökosystemen, die Herstellung von mehr globaler und sozialer Gerechtigkeit und den Wandel unserer Denkmuster beinhaltet.

Kinder, die kommenden Generationen, sind diejenigen, die gegen die Kurzsichtigkeit der Erwachsenen Stellung nehmen und uns zum verantwortlichen Handeln zur Rettung des Planeten antreiben. Gleichzeitig sind sie auch diejenigen, deren Interessen hinsichtlich der Maßnahmen zur Eindämmung der Covid 19 Pandemie bislang am wenigsten Berücksichtigung finden. Ein skandalöser Zustand. Denn weder verfehlte klimapolitische (wie der historische Erfolg der Klima-Verfassungsbeschwerde gezeigt hat) noch krisenpolitische Entscheidungen zu Covid-19 Pandemie dürfen ihr Recht auf Zukunft verletzen. Dies könnte eine der wichtigsten Lektionen aus der Pandemie sein: wir benötigen eine generationengerechte und kinderrechtsbasierte Ausrichtung und Umsetzung aller wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Maßnahmen, die getroffen werden, um eine gerechtere und nachhaltigere Welt für alle Menschen zu schaffen.

Landesschulsprecherin Jessica Pilz im Portraitband „Wie geht es Euch? – Sechs junge Menschen aus Hessen über ihr persönliches Erleben der Corona-Pandemie“ Hessisches Ministerium für Soziales und Integration (Hrsg.), September 2021

Doch wie können wir einen solchen Wandel erreichen? Globales Lernen als pädagogisches Konzept kann Impulse für diesen notwendigen Wandel setzen. Lernende werden durch Globales Lernen zu einem Denken in globalen Zusammenhängen angeregt, indem lokale und globale Phänomene und Prozesse zueinander in Beziehung gebracht und interpretiert werden. Im Fokus stehen dabei u.a. Fragen globaler sozialer Gerechtigkeit und Solidarität, sowie der Einfluss des eigenen Handelns auf die Lebenssituation von Menschen weltweit. Es arbeitet mit interaktiven Methoden, die diese Themen erfahrbar machen und zur Reflexion der eigenen Rolle in der globalen Matrix der Ungleichheit befähigen. Eine Stärke von Globalem Lernen besteht darin aufzuzeigen, dass gesellschaftliche Verhältnisse gestaltbar und damit veränderbar sind. Globales Lernen will zum Handeln animieren und zur demokratischen Mitbestimmung. Wir brauchen Lernprozesse, die uns aus alten Denkmustern ausbrechen und neue Perspektiven einnehmen lassen, die uns scheinbare Unmöglichkeiten denkbar machen lassen und unsere Werte transformieren.

Ein System kann nicht von heute auf morgen verändert werden – vor allem keins, das seit Jahrhunderten besteht und seit Jahrhunderten auf die Produktion von Ungleichheit gründet. Aber wir müssen mit dem Wandel beginnen – am besten heute noch.


[1]     Cassidy, Alan (2020): Tödliche Ungleichheit. Rassismus und Corona, Süddeutsche Zeitung, 10. April 2020, URL: https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-usa-schwarze-sterberate-1.4872535 (letzter Abruf: 17.09.2020).

[2]    Heinrich-Böll-Stiftung, Institute for Advanced Sustainability Studies,Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland,  Le Monde diplomatique (2015): Bodenatlas, URL: https://www.slu-boell.de/sites/default/files/bodenatlas2015.pdf (letzter Abruf: 17.09.20202), Seite 24.

[3]     http://ak-rohstoffe.de/wp-content/uploads/2020/05/Rohstoffwende.pdf (letzter Abruf: 17.09.2020).

Liebe Leser:innen,

„Inzwischen glaube ich nicht mehr wirklich daran, aber es wäre total cool, wenn wir dieses Miteinander behalten würden, das es am Anfang gab, diese gesellschaftliche Solidarität. Dass die Menschen merken, dass sie nicht immer überall hinfliegen müssen und es gar nicht so viel globalen Handel geben muss.“ Diese Sätze der 18-Jährigen Landesschulsprecherin Jessica Pilz, die Makista für den Portraitband „Wie geht es euch?“ (herausgegeben von der hessischen Landesbeauftragen für Kinder- und Jugendrechte) interviewte, veranschaulichen, dass auch Jugendliche die Coronapandemie sehr schnell mit Fragen nach einem globalen Miteinander verbanden. Und sie zeigen die Ambivalenz zwischen Hoffnung einerseits und einsetzender Resignation andererseits. So hatte die „Fridays for future“-Aktivistin Jessica anfangs gehofft, dass wir uns durch die gemeinsame Erfahrung der Pandemie über die globale Lage (besonders des globalen Südens) bewusstwerden und uns wirklich mit den Menschen solidarisieren und etwas gegen die Ungerechtigkeit tun würden. „Aber wir sehen ja schon an der Impfstoffverteilung, dass das nicht so ist,“ schließt sie. In der aufschlussreichen Studie JuCo II, deren Auswertung für das Land Hessen zusammen mit den Portraits erschien, war eine Einschätzung globaler Pandemiebedingungen und damit verbundener Zukunftsängste oder -wünsche, die über eine rein individuelle Perspektive (bezüglich Ausbildung, finanzieller oder sozialer Situation) hinausgegangen wäre, leider nicht Teil der Befragung. Allerdings wurde gerade von jungen Menschen früh erkannt und artikuliert, dass die Bedingungen der Pandemie auch die Bedingungen z.B. der Klimakrise sind.
Auf diesen Zusammenhang weist das Entwicklungspolitische Netzwerk Hessen im heutigen Blogbeitrag in aller Deutlichkeit hin: wenn wir es nicht schaffen, unseren Zugriff auf die Natur – und damit auch die Voraussetzungen gesellschaftlichen Zusammenlebens – grundlegend zu erneuern, werden Zoonosen wie das Coronavirus nur ein winziges Glied einer langen Reihe von Gefahren sein, denen kommende Generationen zunehmend ausgesetzt sind. Junge Klimaaktivist*innen haben das verstanden und beziehen sich in ihren politischen Kämpfen immer wieder auf ihre in der UN-Kinderrechtskonvention verbrieften Rechte. So betonen sie die im Artikel 24 zum Recht auf eine gute Gesundheitsvorsorge enthaltene Verpflichtung der Staaten zur Bekämpfung von Risiken der Umweltverschmutzung und verbinden so explizit die (Gesundheits-)Rechte jedes einzelnen Kindes mit der nur global und gemeinschaftlich zu lösenden Frage nach den Voraussetzungen, die ein gesundes Aufwachsen begünstigen oder verhindern. Damit stellen sie ihre individuellen Bedürfnisse in Zusammenhang mit einer funktionierenden, gemeinsamen Werten verbundenen „Weltgemeinschaft“. An ihrer Seite stehen Erwachsene wie die Sozial- und Politikwissenschaftlerinnen María Teresa Herrera Vivar und Anna Dobelmann, die Verfasserinnen der aktuellen Blogausgabe, und ihre Mitstreiter*innen aus dem Entwicklungspolitischen Netzwerk Hessen.
Wir wünschen eine gute Lektüre,


Ihre Makista-Redaktion

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Autorinnen: María Teresa Herrera Vivar und Anna Dobelmann

María Teresa Herrera Vivar und Anna Dobelmann

María Teresa Herrera Vivar ist Co-Landesnetzwerkkoordinatorin und Koordinatorin des Bildungsbereichs des Entwicklungspolitischen Netzwerks Hessen e.V. Das EPN Hessen ist der Zusammenschluss entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen und Initiativen sowie Eine Welt-Gruppen in Hessen zur Vernetzung der eigenen Arbeit vor Ort. Das EPN Hessen und seine über hundert Mitgliedsorganisationen engagieren sich seit 2004 für eine gerechte, ökologische, solidarische und friedliche Welt. Anna Dobelmann ist Fachpromotorin für Globales Lernen in Hessen beim Entwicklungspolitischen Netzwerk Hessen und dem Marburger Weltladen. Sie berät hessenweit zu Inhalt und Didaktik des Globalen Lernens. Ihr Anliegen ist es Themen globaler Gerechtigkeit in der hessischen Bildungslandschaft zu verankern. (https://www.epn-hessen.de/)