Kinderrechte in Zeiten von Corona

Eine Auseinandersetzung und Unterstützung für alle, die Kinder und Jugendliche begleiten

Was wir gerade erleben stellt einen großen Eingriff in die Grund-, Bürger-, Menschen- und Kinderrechte dar. Ist das in einer Demokratie überhaupt erlaubt? Durchaus eine berechtigte Frage. Derartige Eingriffe in unsere Rechte können in einer Demokratie zulässig sein. Aber nur unter ganz bestimmten Regeln, die diejenigen, die die Rechte einschränken, unbedingt beachten müssen. Dazu gehört zu allererst, dass immerzu klar sein muss, dass das was gerade passiert eine Einschränkung darstellt und dass dies nicht normal ist. Es ist eine Ausnahme und darf nicht (unbegründet) ewig so weiter gehen.

Wenn Eingriffe in Rechte vorgenommen werden, dann muss das sehr gut begründet werden. Juristisch gesprochen heißt das: die Einschränkung muss „angemessen“ und „verhältnismäßig“ sein. Eingriffe in Grund- und Menschenrechte geschehen häufig, wenn einzelne Rechte miteinander in Konflikt geraten. Das ist bei der sogenannten Corona-Krise ganz sicher der Fall. Das Deutsche Institut für Menschenrechte (DIMR) erläutert in seiner Stellungnahme im März 2020: „Aus dem Menschenrecht auf Gesundheit leitet sich die Pflicht des Staates ab, Gesundheitsschutz für alle gleichermaßen zu gewährleisten. In Krisensituationen darf er dies grundsätzlich auch durch Beschränkung anderer Menschenrechte durchsetzen. Gleichzeitig gilt, dass der Schutz der Gesundheit als legitimes Ziel nicht zur übermäßigen Einschränkung anderer Rechte beziehungsweise zur Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsteile führen darf. Auch in einer Krise wie der derzeitigen gelten Grund- und Menschenrechte vollumfänglich weiter.“ Konkret heißt das z. B., dass alle in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Erwachsenen und Kinder auch in der durch die Corona-Krise ausgelösten Ausnahmesituation weiterhin ein Recht darauf haben, sich zu erholen, mit Menschen in Kontakt zu bleiben, sich eine Meinung zu bilden und sich für sie auch laut und deutlich einzusetzen. Je massiver der Eingriff in ein Recht ist, umso begründeter muss dies geschehen. Das ist oft gar nicht so leicht zu entscheiden. In demokratischen Verhältnissen sollten sich daher diejenigen, die die Einschränkungen beschließen und umsetzen sehr umsichtig und vorsichtig damit umgehen und sich die Entscheidung darüber nicht leicht machen. Außerdem muss man in einer Demokratie jederzeit darüber streiten dürfen, ob man die Eingriffe richtig und verhältnismäßig findet und die Entscheidungen auch kritisieren dürfen. Eine kritische Auseinandersetzung mit diesen wichtigen Fragen ist auch deswegen sehr bedeutsam, weil Menschen unterschiedlich stark von den beschlossenen Eingriffen betroffen sind. Gleichzeitig sollten wir im Blick behalten, dass die beschlossenen Maßnahmen Menschen unterschiedlich stark nutzen bzw. wiederum andere durch sie besonders gefährdet sind.

Wie immer bei Menschen- und Kinderrechtsfragen ist es am besten, wenn wir die Dinge so konkret wie möglich betrachten und uns fragen, was einzelne Aspekte konkret kinderrechtlich bedeuten. Das wollen wir versuchen und anbieten: Texte, Hinweise auf weitere Angebote (Websites, Artikel usw.) sowie anregende Fragen zu wichtigen Kinderrechtsbereichen sollen besonders diejenigen unterstützen, die mit Kindern und Jugendlichen über die aktuelle (und vergangene) Lebenssituation und ihre gesellschaftlichen Veränderungen sprechen – im Unterricht an Schulen, in Jugendeinrichtungen oder auch Familien.

Wir stellen auf Anfrage PDFs zu Themenbereichen wie Partizipation, Information, Gesundheit oder Privatsphäre zur Verfügung – schreiben Sie uns einfach an info@makista.de!

„Jedes Kind hat das Recht zu lernen und sich zu entfalten“

Für Makista – einem Verein, der sich besonders mit Fragen von Demokratie- und Kinderrechtsbildung beschäftigt – ist das Recht auf Bildung ein guter Ausgangspunkt, um die gegenwärtige Situation mit Blick auf die Kinderrechte zu betrachten. „Jedes Kind hat das Recht zu lernen und sich zu entfalten“, so lässt sich Artikel 29 der Kinderrechtskonvention einfach zusammenfassen. Schule und Kita werden dabei als zentrale Orte gedacht, in denen Kinder und Jugendliche gefördert und unterstützt werden, Wissen zu erwerben, Methoden kennenzulernen und Handlungskompetenzen zu erlernen und anzuwenden. Sie sind verlässliche Orte, die allen Kindern Chancen bieten sollen, ihre Fähigkeiten und Persönlichkeit zu entwickeln.

Müssen (oder mussten) Schulen und Kitas schließen, fallen wesentliche Orte zur Realisierung des Rechts auf Bildung weg. Lehrerinnen können versuchen durch digitale Lernangebote, Postsendungen und auch durch Telefonate und Bringdienste, Kinder, Jugendliche und Erziehungsberechtigte dabei zu unterstützen, dass sie trotzdem von ihrem Recht auf Bildung Gebrauch machen können und diese besondere Zeit überbrücken helfen. Insbesondere in besonders schwierigen Zeiten erscheint uns wichtig, wesentliche Aspekte des Rechts, zu lernen und sich entfalten zu können, im Blick zu behalten. Dazu gehört zu allererst: Lernen soll auch Spaß machen und dabei unterstützen, Dinge kennenzulernen, die einem (im Alltag) weiterhelfen und zu den eigenen Interessen passen. Die Interessen von Kindern und Jugendlichen sind sehr vielfältig und die meisten jungen Menschen sind neugierig und haben Lust darauf, die Welt zu entdecken. Daher ist es wichtig, dass diejenigen, die Kinder und Jugendliche auf ihren Lernwegen begleiten, im Bewusstsein behalten, dass Kinder und Jugendliche ein Recht darauf haben, Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen. Das heißt nicht, dass die so adressierten Erwachsene auf jede Frage eine Antwort parat haben müssen. Sie dürfen ruhig zugeben, wenn sie was nicht wissen. Dann können sie den Kindern und Jugendlichen helfen, Informationen zu suchen oder andere Ansprechpartnerinnen zu finden.

Zu dem Recht auf Bildung gehört auch der Aspekt „gut lernen zu können“. Das beinhaltet, einen angemessenen Arbeitsplatz zu gestalten, sich eine gute Tagesstruktur zu geben und dabei Hilfe zu bekommen, sich diese aufzubauen. Um von dem Recht auf Lernen in umfassender Weise Gebrauch machen zu können, braucht es Angebote, die dem/der Lernenden helfen, den Lernprozess zu reflektieren sowie Feedback und Wertschätzung für das Tun zu erhalten.

Um gewinnbringend von dem Recht auf Lernen Gebrauch machen zu können, braucht es eine Umgebung, in der sich Kinder und Jugendliche aufgehoben und geborgen fühlen und Räume, in denen sie entspannen und sich vom Lernen erholen können. Beides ist in Zeiten von Corona von besonderer Bedeutung. Zum einen kann die Ausnahmesituation auf Kinder und Jugendliche verwirrend, irritierend und beängstigend wirken. Daher braucht es Räume, in denen Kinder und Jugendliche über ihre (auch durch die Pandemie ausgelösten) Sorgen sprechen können. Es ist wichtig, dass Lehrer*innen, Familien dabei unterstützen, den Kindern und Jugendliche diese (Gesprächs)räume zu eröffnen.

Die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen macht in einem Beitrag in der taz unter dem Titel: „Wenn die Normalität außer Kraft ist“ darauf aufmerksam: „Alle Kinder und Jugendliche sind mehr denn je auf verlässliche Kontakte, also auf vertrauenswürdige Erwachsene angewiesen. Sie müssen darauf vertrauen können, dass das, was Erwachsene ihnen zeigen, sagen, vermitteln und für sie entscheiden, richtig und wahr ist.“